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Freitag, 14.12.2018

Schlechte Zeiten für Rosskastanien

Rosskastanie Nordpark©Michael Korn
Rosskastanien Miniermottenbefall©Michael Korn
Leckstellen Phytophthorabefall©Michael Korn

Lange Zeit galt die Rosskastanie als Paradebeispiel für eine robuste und formschöne Baumgestalt, die den Angriffen insbesondere von Mikroorganismen, wie Bakterien, Pilzen, Viren und die Heerscharen von Insekten über Jahrhunderte im fremden Verbreitungsgebiet Mitteleuropa Paroli bieten konnte. Erkrankungen von Bäumen im Allgemeinen und der Rosskastanie im Besonderen sind im Lebenszyklus eines Baumes, der verschiedenen Umweltfaktoren ausgesetzt, ist eigentlich ein Normalzustand, denn je vitaler ein Baum ist, desto widerstandsfähiger ist er gegen Erkrankungen. Rosskastanien, die erheblichen Stressfaktoren, z. B. als Straßenbäume im urbanen Umfeld, ausgesetzt sind, reagieren empfindlicher und dienen bei einigen Krankheitserscheinungen als Infektionsherd, der sogar gesunde Jung- oder Altbäume gefährden kann.

Eine der auffälligsten Erkrankungen und Befallsmerkmale für den Laien ist sicherlich die Rosskastanienminiermotte. Um 1984 tauchte der kleine Schmetterling am Ohridsee in Mazedonien auf. Fünf Jahre später bevölkerte er große Teile Österreichs, um von dort aus Zentral- und Osteuropa zu erobern. Der erste Befall in Deutschland wurde in Bayern im August 1993 in Passau nachgewiesen. Im Gladbecker Stadtgebiet sind die Schadbilder an Blättern nicht mehr zu übersehen; es gibt kaum noch Rosskastanien (Aesculus hippocastanum) ohne Minierraupenfraß.

Das Schadbild stellt so dar: Ab Ende Mai treten an den Blättern zunächst weißliche bis beige, später braune, unregelmäßige Flecken (Minen) auf. Die Verursacher sind die Raupen. Im Laufe des Sommers werden zunächst die Blätter im unteren Kronenbereich, dann in der gesamte Krone mit Minenfeldern überseht und beeinträchtigt. Die Blätter werden braun, kräuseln sich und fallen im Juli vorzeitig ab. Eine Maßnahme, um die Ausbreitung der Rosskastanienminiermotte zu verlangsamen, ist zum Beispiel das Entfernen des befallenden Herbstlaubes, weil dort schon die Puppenstadien der nächsten Generation der Miniermotte als Überwinterer auf das Frühjahr warten, um zu schlüpfen. So verwundert es nicht, dass einige Grünflächenämter wie das der Hansestadt Hamburg ihre Bürger durch die Presse, Flugblätter und andere Medien informieren über diese Problematik und sie auffordern Rosskastanienlaub separat zu sammeln und über die Stadtverwaltung entsorgen zu lassen.

In einigen Städten des Ruhrgebietes, z. B. in Mülheim und in Gladbeck an der Frentroper Straße bekamen unsere Rosskastanien 2003 einen eigenwilligen Schmuck ins Geäst gehängt: grüne oder weiß gefärbte Kunststoffplatten. Bei genauem Hinsehen wiesen diese eine Klebebeschichtung auf, die die Rosskastanienminiermotte in die Duftfalle locken sollte. Diese Fallen sind mit Sexualduftstoffen (Pheromonen) bestrichen, um die Miniermotte anzulocken und zu fangen. Leider ist es, aus Kostengründen nicht möglich, das ganze Stadtgebiet mit Pheromonfallen zu bestücken. Unter Fachleuten wird über die Bekämpfungsmethode mit Pheromonfallen kontrovers diskutiert, denn ein Massenbefall kann dadurch nicht verhindert werden. Bis heute ist kein Absterben durch die Miniermotte festgestellt worden, aber durch diese Stressfaktoren werden die Bäume geschwächt. Keine Befallserscheinungen zeigt die rotblühende Rosskastanie (Aesculus carnea).

Anfang der 90er Jahre trat im süddeutschen Raum zum ersten Mal eine außergewöhnliche Erkrankung auf, die ein Gefahrenpotenzial in sich vereint, die ein Absterben vor allem von Alleen und alten Parkbäumen befürchten lässt. Die Bäume neigen bei Befall zur schütteren Belaubung und zum Absterben einzelner Kronenbereiche. Diese Erscheinungsmerkmale eines Krankheitsbildes an Blättern und Kronenteilen geht vom Stammgrund aus. Dort befinden sich stark blutende Leckstellen („Teerflecken“), die zum Teil den ganzen Stamm umfassen. Unterhalb der blutenden Rindenbereiche haben sich im Kambium (Wachstumschicht) Nekrosen (abgestorbenes Gewebe) gebildet. Diese Absterbeformen führen zum Aufreißen der Rinde am Stamm. Bei einigen befallenden Rosskastanien führte die Infektion mit dem Phytophthora-Erreger zum langsamen Tod auf Raten. Die Ursachen dieses Krankheitsbildes sind vielschichtig, z. B. Klimaextreme wie Trockenstress, Wasserüberangebot, Stickstoffüberangebot oder lecke Gasversorgungsleitungen. Als vorsorgende Maßnahme sollten befallende Bäume so rasch wie möglich vollständig entfernt und das anfallende Material ordnungsgemäß durch Verbrennung entsorgt werden.

Anno 2002 trat ein neuer Schaderreger in das Rampenlicht, der zwar ähnliche Symptome wie die Phytophthora-Arten zeigt, aber auch andere Schadmerkmale aufweist. Das von der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft, Institut für Pflanzenschutz im Gartenbau als neuartiges Rosskastaniensterben bezeichnet, breitet sich wohl insbesondere durch die Klimaerwärmung sehr schnell in unseren Breiten aus. Als Verursacher für dieses neuartige Rosskastaniensterben wurde in den Niederlanden ein Bakterium aus der Pseudomonas-syringae-Gruppe nachgewiesen. Eigentlich ist diese Krankheitserregergruppe Fachleuten schon sehr lange bekannt als Krankheitsauslöser an Gehölzen, dort ruft es einen Bakterienbrand an Flieder und den Eschenkrebs hervor.

Die Entdeckung des neuartigen Rosskastaniensterbens in den Niederlanden, wo teilweise an einigen Standorten bis zu 70% der Rosskastanien befallen waren, bereitete den Weg vor für eine schnelle Ausbreitung in die Nachbarländer Belgien, Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Die Befallsmerkmale zeigen sich vor allem an der Gemeinen Rosskastanie und der rotblühenden Kreuzform der Rosskastanie. Betroffen sind Bäume aller Altersstufen. Über den Infektionsweg der Erkrankung ist bis heute wenig bekannt. Da es sich um ein Bakterium handelt, vermutet man, dass hohe Temperaturen den Krankheitsverlauf beschleunigen. Die Krankheitssymptome sind teilweise nicht eindeutig zu unterscheiden, ob es sich um Phytophthora- oder einen Pseudomonasbefall handelt.

Das bedeutet: fachlicher Rat ist bei den zuständigen Pflanzenschutzstellen einzuholen, um dann die notwendigen Maßnahmen zu veranlassen. An der Ringeldorfer Straße wurden vor einigen Wochen mehrere abgestorbene Äste durch ZBG-Grünpflege entfernt, weil die oben genannten Erreger an der Gemeinen Rosskastanie und der rotblühenden Rosskastanie sich offenbarten. Nach dem Arbeitseinsatz müssen alle Werkzeuge (Sägeblätter usw.) die mit dem befallenden Rosskastanienholz in Berührung gekommen waren, desinfiziert werden, um andere Rosskastanien nicht zu infizieren. Das Schnittgut wird von der Müllabfuhr in geschlossene Behältnisse verfrachtet, dem normalen Hausmüll zugeladen und nach Essen zur Müllverbrennung verbracht. Wichtig ist auch, dass befallenes Rosskastanienholz nicht als Kaminholz an Privathaushalte abgegeben werden sollte, um die weitere Verbreitung des Erregers zu vermeiden. Die Biologische Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft rät, die mit dem Pseudomonas-Erreger befallenen Rosskastanien erst einmal stehen zu lassen und erst dann einzugreifen, wenn in der Folge der massiven Schwächung der Bäume durch Sekundär-Schadmerkmale, wie z. B. Holz zersetzende Pilze die Verkehrssicherheit gefährdet ist. Sollte eine Rodung von Nöten sein, ist ein Erdaushub der Pflanzgrube notwendig mit gleichzeitiger Entsorgung des Altsubstrates, wobei es keine Neupflanzung mit Rosskastanien geben sollte.

Michael Korn