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Montag, 18.12.2017

Naturkundliche Haldenwanderungen

Haldenwanderungen sind nach Absprache möglich. Zeitraum ist der Juni - Juli Ansprechpartner Michael Korn NABU Gladbeck Bülser-Str.142 45964-Gladbeck Tel: 02043-64743 Mobil: 0170-4679981 E-Mail: michael.korn(at)nabu-gladbeck(dot)de 

Wichtiger Hinweis. Für Freiland Exkursionen gilt grundsätzlich ein Haftungsausschluss! Naturkundliche Exkursionen sind kostenpflichtig. Honorar nach Vereinbarung.

©Michael Korn

Industriebrachen – vergiftete Wüsten oder lebendige Oasen

Moltke Halde©Michael Korn
Natroper Feld NSG©Michael Korn
Sommerflieder©Michael Korn

Wie viele andere Städte im Ruhrgebiet wurde auch Gladbeck vom Bergbau geprägt. Diese Bergbaugeschichte ist Vergangenheit! Aus naturkundlicher Sichtweise sind von Interesse die Zechenbrachen und Halden. Allein im Stadtgebiet Gladbeck gibt es Flächen von erheblicher Größe: 35 Hektar Zechenbrachen und 100 Hektar Haldenflächen. Das gibt Raum für eine Entwicklung von Flora und Fauna. Trotzdem darf man nicht die Augen über die negativen Folgen der Bergbaugeschichte verschließen! Das sind aus heutiger Sicht Altlasten wie vergiftete Böden auf Zechenbrachen und die Zerstörung einer alten bäuerlichen Kulturlandschaft durch die Deponierung des Bergematerials in der freien Landschaft. Der provokante Titel „ Industriebrachen – vergiftete Wüsten oder lebendige Oasen“ zeigt deutlich die zwei Seiten einer Medaille auf, einerseits artenreiche Pionierstadien von Pflanzen und Tieren, anderseits vergiftete Böden.

Einen besonderen Farbtupfer der floristischen Entwicklung auf den Industriebrachen bilden die Neophyten, die Neubürger im Pflanzenreich. Zu den Neophyten werden im Allgemeinen solche genannt, die nach dem 15. Jahrhundert, also in der Neuzeit, bei uns eingewandert sind. Nachtkerze, Stechapfel, Sommerflieder, Greiskraut und Staudenknöterich – Pflanzen aus verschiedenen Ländern der Erde geben sich ein Stelldichein, wobei der nordamerikanische Kontinent den größten Anteil der Pflanzenarten einbringt. Nach ihm folgen Pflanzen aus Südamerika, Asien, Afrika, Südeuropa und Osteuropa. Bezogen auf das alte Bundesgebiet, sind bereits schon 267 neophytische Pflanzenarten bekannt. Es werden überwiegend Standorte besiedelt, die vom Menschen in der einen oder anderen Form geschaffen wurden, zum Beispiel offene Bodenstellen aufweisen und somit die Ansiedlung der Neophyten begünstigt.

Eine besondere Hinterlassenschaft aus der Bergbaugeschichte der Stadt Gladbeck sind die Halden, auch als sogenannte Landschaftsbauwerke bezeichnet. Beim Abbau der Steinkohle fällt neben der verwertbaren Kohle gleichzeitig auch eine ganze Menge Bergematerial an. Die Ruhrkohle AG förderte im Jahre 1993 neben 41,9 Millionen Tonnen verwertbarer Kohle 19,1 Millionen Kubikmeter Bergematerial zu Tage. Verwendung des Bergematerials: 4 Prozent Versatz, 24 Prozent Absatz ( Straßenbau usw. ) und 72 Prozent werden auf Halde gekippt. Das bedeutet, dass der Bergbau der Stadt Gladbeck eine Haldenfläche von 100 Hektar hinterlassen hat! Das sind 3 Prozent der Stadtfläche. Man kann leider davon ausgehen, dass der Bergbau, wenn ihm ausreichend Fläche zur Ablagerung der Berge überlassen wird, auch diese zu seinem Vorteil nutzt. Alternativverfahren zur Verwendung der Berge gibt es zwar, wie zum Beispiel den Untertageversatz, aber die Anwendung dieser Methode durch die Ruhrkohle AG ist gering. Es ist für die RAG billiger, Bergematerial auf Halde zu kippen, als sich um umweltverträgliche Alternativen zu kümmern!

Der Leser dieses Artikels wird sich fragen, wo bleibt das Positive? Aus naturkundlicher Betrachtung besitzen Halden einige erfreuliche Aspekte. Als Sekundärlebensräume für Tiere und Pflanzen sind sie von Interesse. Halden sind Extremstandorte für eine besonders angepasste Flora und Fauna. Es können sich nur Arten halten, die Strategien zum Überleben in einer Industrielandschaft entwickelt haben. Die Lebendigkeit dieser Lebensräume ist erstaunlich, so finden Arten ein Refugium, die in der ausgeräumten Kulturlandschaft schon selten geworden sind. Flussregenpfeifer, Steinschmätzer, Zauneidechse, Kreuzkröte haben in diesen Lebensräumen aus zweiter Hand eine Zuflucht gefunden. Botanische Seltenheiten wie Strandaster, Strandsimse komplettieren den positiven Eindruck. Industriebrachen können lebendige Oasen für Menschen, Tiere und Pflanzen sein. Sie sind aber auch ein Beispiel für die grobe Missachtung des Natur – und Umweltschutzes!

Michael Korn