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Donnerstag, 13.12.2018

Orchideen die Königskinder der Pflanzenwelt

Bienenragwurz Eifel©Michael Korn
Fliegenragwurz Eifel©Michael Korn

Orchideen bilden mit etwa 30000 Arten die artenreichste Familie der höheren Pflanzen. Der weitaus größte Teil davon lebt aber auf anderen Kontinenten, zumeist als Aufsitzerpflanzen (Epiphyten) im tropischen Regenwald. Auch in Europa kommen zirka 200 Arten dieser Pflanzenfamilie vor. Sogar in einer so dicht besiedelten Stadt wie Gladbeck wachsen Orchideen vereinzelt an Waldrändern und Wegrainen. Dazu später mehr.

Die Königskinder unserer heimischen Flora sind aber auch der Inbegriff der Gefährdung dieser Pflanzengruppe. Auf dem Papier sind sie sämtlich in Deutschland geschützt. Trotzdem werden sie gepflückt, ausgegraben und was viel schlimmer ist, ihre Lebensräume werden zerstört. Was der Mensch als Ödland bezeichnet, Landschaften mit kargen Böden, ist den Orchideen gerade recht. Sie sind wahre Lebenskünstler in der Selbstbeschränkung ihrer eigenen Bedürfnisse. Das macht sie aber auch anfällig für Eingriffe des Menschen, wie Düngung, Entwässerung, häufiges Mähen um hier nur einige orchideenschädliche Maßnahmen zu beschreiben.

Die Gefährdung der heimischen Orchideen ist trotz vielfältiger Fortschritte bei den Schutzmaßnahmen und durch Pflegeaktionen immer noch eine akute Großbaustelle des Naturschutzes. Nach der Roten Liste des Landes Nordrhein – Westfalen stehen 86% des Gesamtartenbestandes das sind 38 Orchideenarten auf dieser Artenliste. Nur 6 von 44 in der Roten Liste erfassten Orchideenarten und Unterarten sind in NRW landesweit nicht gefährdet. Davon sind nur zwei Arten die Breitblättrige Stendelwurz und das Eiförmige Zweiblatt in allen Großlandschaften unseres Bundeslandes als ungefährdet anzusehen. In Deutschland gibt es insgesamt 78 Orchideenarten. Trotzdem bleibt positiv festzuhalten das aufgrund der in den letzten 20 Jahren durchgeführten Schutzbemühungen der negative Entwicklungstrend bei einer ganzen Reihe von Orchideenarten gestoppt oder stabilisiert werden konnte.

Berühmt ist diese Pflanzengruppe für ihre Methoden der Anlockung von Insekten. Entweder werden Hummeln, Bienen, Wespen oder Schmetterlinge durch Duft, Farbe und Nektar angelockt oder durch Vortäuschen falscher Tatsachen. Das bedeutet, diese Pflanzen produzieren Sexuallockstoffe eines bestimmten Bienen – oder Wespenweibchen genau dann, wenn die Männchen dieser Art schon geschlüpft sind, aber die Weibchen noch nicht auf der Bildfläche in Erscheinung getreten sind. Die Blüten der Orchideen (z . B. Ragwurzarten) riechen verführerisch. In Farbe, Form und Behaarung ähneln sie einem Insektenweibchen. So versuchen die Insektenmännchen die Blüten zu begatten, diese Täuschung hat nur den einen Zweck, die Blüte zu bestäuben.

Um diese heimischen speziellen Arten zu Entdecken muss der Naturfreund sich schon in die Eifel begeben und das nötige Fachwissen und Ortskunde besitzen, um einen Beobachtungserfolg zu erlangen. Die Situation der Orchideen im Gladbecker Stadtgebiet ist für den Naturfreund nicht gerade erfreulich. Besonders die Intensivierung der Landwirtschaft (Düngung, Entwässerung) hat das gefleckte Knabenkraut seinen Lebensraum gekostet. Frühere Standorte wie z. B. der Wittringer Wald oder die der Breiker Höfe sind auf Einzelexemplare zusammengeschrumpft. Einer der historischen Quellen für das Orchideenvorkommen in der Vergangenheit unserer Heimatstadt ist die von Eugen Pohl angelegte Pflanzensammlung des Museums der Stadt Gladbeck. Besonders bemühte er sich in den 1930er Jahren um die Sammelbestände des Museums vor allem im naturkundlichen Bereich, ohne Sein wirken würde es heute kein Herbarium geben. Bei der Durchsicht des Herbariums sind etliche Orchideen insbesondere das Gefleckte Knabenkrautes im Bestand vorhanden, wobei leider nicht immer eine genaue Fundortsbeschreibung vorhanden ist.

Trotzdem gibt es auch Erfreuliches aus dem Reich der Orchideen in Gladbeck zu berichten. Die breitblättrige Stendelwurz ist halbwegs in ihrem Bestand gesichert. Ihr Vorkommen ist in Laubwäldern, Gebüschen und Parkanlagen auf frischen, basenreichen, humosen Lehmböden. Vielfach ist sie die häufigste Orchideenart, sogar in der Ausbreitung voranschreitend. Die Größe beträgt etwa 20 bis 100cm die Blütenzahl schwank zwischen 5 und 50. Der Orchideenfreund muss sich bei dieser doch recht unscheinbaren Orchidee eigentlich nicht auf die mühsame Suche in unsere heimischen Wälder begeben sondern mit einem Geübten blickt und mit einer Lupe bewaffnet reicht ein Abstecher ins Straßenbegleitgrün wie zum Beispiel die Gladbecker Wilhelmstraße. Sie wird bestäubt von Bienen, Wespen und Fliegen, kann sich aber auch öfters selbst bestäuben. Blütezeit ist der Juni bis September. Die Standorte der Breitblättrigen Stendelwurz sind natürlich an solchen Wuchsorten, im Straßenbegleitgrün permanent dem Risiko ausgesetzt bei Pflegemaßnahmen wie Schnitt und Reinigung der Beete eliminiert zu werden. Eine Schulung der Grünpflegemitarbeiter und gegebenenfalls eine Umpflanzung sind aus naturschutzfachlicher Sicht angeraten. Die Umsiedlung der mehrjährigen Orchideen ist für die Pflanze nicht ohne Risiko. Das Rhizom (die Wurzel) der Pflanze muss vollständig bleiben. Eine möglichst große Menge der Symbiosepilze, ohne die die Pflanzen nicht keimen können, müssen mit umgesiedelt werden. Unmittelbar nach der Blüte und kurz vor der Samenreife haben die Pflanzen aber die besten Chancen sich an ihrem neuen Standort anzusiedeln.

Es bleibt zu hoffen, daß die Königskinder der heimischen Pflanzenwelt auch späteren Generationen als Blickfang erhalten bleiben.

Michael Korn